Wie jeden Morgen ist die U-Bahn ziemlich voll und er ist froh, noch einen Platz gefunden zu haben. Auf der gegenüberliegenden Sitzbank macht sich ein junger Mann breit. Sein muskulöser Körper, den er auf zwei Plätze verteilt hat, und der Rucksack neben ihm auf dem Sitz markieren klar sein Revier. Desinteressiert von seiner Umwelt starrt er auf sein Handy. „So ein Ignorant“ denkt Michael und spürt Wut in sich aufsteigen. „Der denkt wohl, die U-Bahn ist nur für ihn allein! Die Menschen werden immer egoistischer, wo soll das noch hinführen?“ Er wünschte, er hätte mehr Mut, um die Welt besser zu machen. Es gäbe so vieles, was er anprangern würde, wenn er sich nur trauen würde, den Mund aufzumachen. Dann würde er seinem Chef endlich mal sagen, dass sein Kollege ihm immer die Akten mit den komplizierten Fällen rüberschiebt und selbst viel Zeit am Kaffeeautomaten verbringt. Aber sich beschweren, das fiel ihm schon in der Schule schwer. Dort war er eher der Außenseiter, hatte kaum Freunde, dafür gute Noten. „Sei ein braver Junge“, sagte seine Großmutter immer und strich ihm das Haar glatt. „Es lohnt sich nicht, sich mit den anderen anzulegen.“ Das war ihre Botschaft für das Leben und er hat sich bisher immer daran gehalten.
Nächste Station, die Türen öffnen sich, die junge Frau fällt ihm sofort auf und das nicht nur wegen der vielen Piercings und schwarz geschminkten Augen. Sie drängelt sich entschlossen an den anderen vorbei, kaugummikauend und mit Kopfhörern und ohne jemanden eines Blickes zu würdigen. Eine von diesen Rebellen-Mädchen, die mit allen Jungs rummachen und kiffend auf dem Schulhof stehen und für die er selbst immer wie Luft war. Die sich gegen alles auflehnen, vor niemandem Angst haben und am Ende alles bekommen, was sie wollen. Sie wird den Kampf für ihn austragen und für Gerechtigkeit sorgen, da ist er sicher. Er lehnt sich innerlich zurück, die Wut tut dies ebenfalls und macht der Erleichterung Platz.
Die junge Frau sieht den Flegel, die Entschlossenheit weicht aus ihrem Gesicht, sie geht noch zwei Schritte weiter und ergreift eine Haltestange. Er ist verdutzt. Und enttäuscht. Und verwirrt. So weit ist es schon gekommen? Jetzt trauen sich selbst die Rebellen nicht mehr, gegen die Ungerechtigkeit der Welt vorzugehen? Er spürt, wie die Wut zurückkommt, sie ballt sich in seinem Bauch zusammen, steigt den Hals hinauf, füllt seinen Kopf und zu seinem Entsetzen quillt sie aus seinem Mund heraus: „Hey, machst du mal der jungen Frau Platz?“ Schlagartig weicht die Wut der Angst. Was habe ich getan? Er sieht schon die Faust des Mannes in seinem Gesicht… Notaufnahme… Koma… wir konnten leider nichts mehr für ihn tun. Die Bilder seiner letzten Tage laufen im Zeitraffer vor seinem inneren Auge ab. Frau und Kinder stehen weinend an seinem Grab, seine Oma wiederholt „Es lohnt sich nicht…..“
„Danke!“ Die junge Frau grinst ihn an, sie hat sogar ein Piercing zwischen den Zähnen, das muss doch beim Essen stören! Erst auf den zweiten Blick merkt er, dass sie sitzt. Neben dem Flegel, der Rucksack steht auf dem Boden. Vorsichtig sucht er den Blick des Mannes, aber dieser schaut weiter auf sein Handy und scrollt. Er atmet tief durch. Wut und Angst sind verschwunden, die Verwirrung ist noch da. War das wirklich er selbst, der sich aufgelehnt hat? Vorsichtig tastet er sein Gesicht ab: „Vielleicht hab ich den Faustschlag ja gar nicht mitbekommen?“ Es scheint alles intakt zu sein. Seine Zunge fährt prüfend über die Zähne, findet aber keine Lücke, kein Blutgeschmack. Endlich kommt die Erleichterung. Und dann Stolz.
Die U-Bahn fährt in den nächsten Bahnhof ein. Entschlossen steht er auf und geht erhobenen Hauptes zur Tür. Den Flegel würdigt er keines Blickes.
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