Zwei Milchkaffee

Ich sitze vor dem Café und beobachte die Leute, die vorbeilaufen. Auf dem Bürgersteig tummeln sich viele Menschen, klar bei dem schönen Wetter. Die Herbstluft ist kühl, aber die Sonne scheint vom blauen Himmel und wärmt alles, was sie mit ihren Strahlen trifft. Der französische Bistrostuhl ist etwas unbequem, sieht aber dafür schön aus. Meinen Milchkaffee habe ich schon ausgetrunken und ich überlege, was ich als Nächstes tun könnte.

Da tritt eine Frau um die vierzig an meinen Tisch: „Entschuldigung, sind Sie nicht Anny?“, fragt sie freundlich. Ich bin überrascht. Nur selten werde ich erkannt, obwohl meinen Roman, den es seit gut einem Jahrzehnt in den Buchhandlungen zu kaufen gibt, schon viele tausend Menschen gelesen haben. „Ja, das stimmt“, antworte ich geschmeichelt und erfreut. „Wie haben Sie mich erkannt?“ „Ich habe ein Interview mit Ihnen auf YouTube gesehen. Ich will Sie nicht stören, wollte Ihnen nur sagen, dass mich Ihr Buch sehr bewegt hat. Ich habe mich darin wiedergefunden, und viele Parallelen zu meinem eigenen Leben erkannt. Sie haben mir Mut gemacht, nicht aufzugeben, sondern es weiter zu versuchen. Es war so tiefgründig und gleichzeitig erfrischend und fröhlich. Das hat mich gefesselt, ich wollte unbedingt weiterlesen. Vielen Dank dafür, Sie haben mein Leben verändert!“

Ich bin gerührt und ein bisschen beschämt, freue mich aber riesig und bedanke mich bei der Frau für das Kompliment. Sie nickt mir noch freundlich zu und geht dann weiter.

Freudige Erregung macht sich breit. Ja, genau das war es, was ich erreichen wollte. Schon mein ganzes Leben lang hatte ich den Wunsch, ein Buch zu schreiben. Ich weiß nicht mehr, wann der Gedanke das erste Mal aufkam. Als ich mir mit acht Jahren Dialoge ausgedacht und diese mit Mikrofon auf Kassette aufgenommen habe? Als ich mit 12 oder 13 romantische Liebes- und Heldengeschichten in Schulhefte geschrieben habe? Damals ging es jedenfalls nur darum, mich selbst mit Hilfe meiner „blühenden Fantasie“, wie meine Mutter immer sagte, zur Heldin zu machen, Abenteuer zu bestehen und die „wahre Liebe“ zu finden. Später, als ich erwachsen war und das Leben ernst, der Alltag hektisch und meine Ehe immer freudloser wurde, bin ich jeden Abend vor dem Einschlafen in meine Fantasie-Welten abgetaucht, in denen es nach Drama und Tragödie doch immer ein Happy-End gab. Aber zum Aufschreiben erschienen mir die Geschichten immer zu „unwirklich“ oder „unecht“.

Auch als das Drama und die Tragödie Wirklichkeit wurden, begleitete mich der Gedanke, ein Buch zu schreiben, weiter und als ich schließlich mein eigenes, echtes HappyEnd gefunden hatte, bekam ich das Gefühl, dass die Geschichte jetzt „fertig“ ist und nur noch aufgeschrieben und in die richtige Form gebracht werden muss.

Damit kristallisierte sich auch das Ziel heraus: Ich wollte Menschen an meinen Erfahrungen teilhaben lassen, ich wollte sie beraten und ihnen Denkanstöße geben, ihren eigenen Weg zu finden.

Gleichzeitig wollte ich sie aber auch erheitern und fesseln und emotional bewegen. Denn nur die emotional-bedeutsamen Ereignisse bleiben im Gedächtnis und beeinflussen uns nachhaltig. Das Leben ist kompliziert und herausfordernd und legt uns immer wieder Steine in den Weg. Es gibt viel Schmerz, Ungerechtigkeit und oft auch einfach nur Pech. Wir müssen uns das Leben schönreden, sonst sind wir verloren. Daher sollte meine Geschichte auch erheiternd sein und genügend Leichtigkeit enthalten – sonst will sie glaube ich auch keiner lesen.

Zumindest bei dieser Leserin scheint mir das gelungen zu sein. Zufrieden schließe ich die Augen und lehne mich zurück. Der Lärm der Großstadt scheint sich zu entfernen, die Sonne wärmt mein Gesicht und schickt ihre Strahlen tief in meinen ganzen Körper hinein und ich lächle.

„Noch einen Milchkaffee bitte!“ rufe ich dem Kellner zu. Ich habe genug getan. Dieser Augenblick darf ruhig noch länger anhalten.

Bild von Silke Wöhrmann auf Pixabay

Anny Lorenz

Ich schreibe Geschichten über Menschen für Menschen

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