Skiurlaub

Verdammt. Es war ja klar, dass es so weit kommen musste.

Beim Frühstück auf der österreichischen Selbstversorger-Hütte, die die Gruppe junger Studenten gemietet hatte, war die Sache entschieden worden: Man wolle keine Zeit verschwenden, schließlich sei man ja nur wenige Tage da, und gleich am ersten Tag bis ganz rauf auf die Hohe Salve. „Das ist super schön da oben!“, hatte Jenny beschrieben, die den gut 2000 Meter hohen Gipfel vom letzten Familienurlaub kannte. „Wie sind denn die Abfahrten da?“, fragte Hannes und Frieda spürt bei der Erinnerung daran wieder das aufregende Kribbeln in der Magengegend.

Eigentlich war sie ja nur wegen Hannes mitgekommen und nicht wegen dem Skifahren. Er war ihr zum Beginn des Semesters gleich aufgefallen mit seinen dunklen Locken, dem muskulösen Körper und der sonnengebräunten Haut. Einfach ein Bild von einem Mann! Das mit dem Skifahren war auch seine Idee gewesen. „Ihr bekommt kostenlosen Unterricht bei mir!“ hatte er angeboten, denn er ist Skilehrer und jobbt jeden Winter in den Bergen. Da hatte Frieda ihre Chance gesehen, um ihm näherzukommen. Dass sie gar nicht Skifahren konnte, war ihr nicht als problematisch erschienen – im Gegenteil. Ski-Unterricht bei Hannes – eine Traumvorstellung!

Leider hatte sie etwas geflunkert, als er großspurig ergänzt hatte: „Na ja, außer ihr seid totale Anfänger – das ist nichts für mich!“ Sie könne schon etwas fahren, hatte sie versichert. Tatsächlich hatte sie bisher nur einmal auf den Brettern gestanden und das war im Harz auf einem Miniberg mit breiter Piste. Im Schneeflug war sie irgendwie da runtergekommen und hatte sich die Szenerie den Rest des Tages sicherheitshalber von der Dachterrasse der Liftstation aus angesehen.

Jetzt stand sie also mit den anderen an der Seilbahn, die sie auf einen Berg bringen sollte, dessen Spitze man nicht mal sehen konnte, da sie oberhalb der Wolken lag. Die Pisten da oben seien „anspruchsvoll, aber machbar“, wie Jenny versichert hatte. Aber Frieda war sich sicher: zu schwer für sie.

Was tun? Auf keinen Fall wollte sie sich die Blöße geben – nicht vor Hannes! Ihre Augen suchten ihn in der Gruppe. Er sah umwerfend aus mit dem schwarz-gelben Skianzug und der spiegelnden Skibrille, die er sich um den Arm gehängt hatte. Auf dem Helm prangte eine GoPro. Lässig trug er die langen Skier, als würden sie nichts wiegen, und scherzte mit den anderen. Nein, sie musste sich eine Ausrede einfallen lassen.

„Hey Leute, sorry, zu dumm, aber ich hab mein Handy in der Hütte vergessen. Ich muss noch mal zurück. Fahrt ruhig schon mal rauf, ich kommt euch hinterher!“

„Nee, wir warten auf dich“, bot Clara an. Clara war wirklich nett, Frieda mochte sie. Hannes wirkte etwas genervt. „Ach, schon gut. Ich hol euch doch wieder ein“, versuchte Frieda die Situation zu retten. „Cool!“ Hannes´ Gesicht entspannte sich wieder. „Wir telefonieren uns dann einfach zusammen“ und dann ging er durch die Absperrung, der Rest folgte ihm. Frieda drehte sich schnell um und ging Richtung Ausgang, bevor sie noch jemand aufhalten konnte.

Vor der Seilbahnstation blieb sie stehen. Ihr war unwohl. Das war noch mal gutgegangen, aber wie sollte es weitergehen? Sie könnte behaupten, dass sie sich auf dem Weg zurück in die Hütte den Fuß verstaucht habe…Und morgen früh könnte sie abreisen unter dem Vorwand, ihrer Mutter ginge es plötzlich schlecht. Sie war wirklich gut im Ausreden erfinden…

„Gehen wir zusammen was trinken?“ Sie drehte sich zu der Stimme hinter ihr um. Es war Tom, der ebenfalls zur Gruppe gehörte. Er war ihr bisher nie so wirklich aufgefallen, schien aber ganz nett zu sein. Wieso war er nicht bei den anderen? „Äh, nee, ich muss doch mein Handy holen“, stammelte sie.

„Also, ich wette, es ist in deiner Jackentasche.“ Er grinste sie an. „Jedenfalls hast du es vorhin da reingesteckt.“ Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, und trat von einem Fuß auf den anderen. „Äh…der Akku ist leer.“ Schon als sie es aussprach, fand sie die Ausrede selber blöd und Tom grinste nur noch breiter. „Ja klar. Ich schätze mal, du kannst gar nicht Skifahren, stimmts?“

Ertappt. Was nun? Weglaufen? Leugnen? Flucht nach vorn?

Tom nahm ihr die Entscheidung ab. „Komm. Da drüben ist ein schönes Cafe. Ich lad dich zu einem Kakao ein.“ Er lächelte sie an und zog sie sanft am Arm mit. Er hatte grüne Augen, stelle sie fest. Sie mag grüne Augen. „Und nachher gehe ich mit dir auf den Übungshügel und bringe es dir bei.“

Sie zögerte kurz, aber dann ging sie mit.

Image by Hans from Pixabay

Anny Lorenz

Ich schreibe Geschichten über Menschen für Menschen

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