Ode an das Schicksal

Als kleines Mädchen glaubte ich an die “wahre Liebe”. Ich glaubte an Schicksal, Romantik und dass Menschen füreinander bestimmt sind. Dass ich irgendwann meinen „Prinzen“ treffe, dass wir uns tief verbunden fühlen und für immer zusammenbleiben. 

Mit 12 kam sie dann plötzlich: Die erste große Liebe. Sie traf mich völlig unerwartet und unvorbereitet. Bis über beide Ohren war ich verliebt und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich versuchte Strategien, die ich mir bei anderen abgeschaut hatte und scheiterte: Ich spielte Katz-und-Maus mit dem Jungen und erlebte dabei eine emotionale Achterbahn. Irgendwann war es ihm zu viel und er beendete das Spiel. 

Ab da wurde es schwierig. Ich hatte Partnerschaften, aber es lief irgendwie nicht so richtig. Rückblickend bin ich wohl zu rational an die Beziehungen herangegangen – ich wollte nicht wieder diese emotionalen Auf-und-Abs erleben. Aber dadurch hielten die Beziehungen nie lange, ich wurde mehrmals verlassen und kam zu dem Schluss: Mich will keiner haben. Da war ich 16. 

Dann kam jemand, der mich wollte. Er warb um mich, schrieb mir Liebesbriefe, suchte meine Nähe. Wir wurden ein Paar. Ich fand ihn nett und lustig – vielleicht war ich am Anfang auch etwas verliebt. Wir verstanden uns gut, waren ein gutes Team. Aber die „wahre Liebe“, so wie ich sie mir vorgestellt hatte, war es für mich nicht. Wir zogen dennoch zusammen und es funktionierte gut. Es war nicht so, dass ich nicht offen für andere Männer gewesen wäre – ich habe einige kennengelernt und es waren auch viele nette dabei, aber keiner, für den ich die Partnerschaft aufgegeben hätte. So entstand in mir der Gedanke: Es gibt keinen Mann für mich, die „wahre Liebe“ gibt es nicht für mich. 

Wir heirateten nach 10 Jahren, bekamen Kinder, bauten ein Haus. Wahrscheinlich wurden wir beide immer unzufriedener – ich zog mich zurück, er ging fremd – 18 Jahre später war die Beziehung am Ende und wir trennten uns. 

Nach dem ersten Schock erinnerte ich mich an das kleine Mädchen, das doch so überzeugt von der „wahren Liebe“, Schicksal und Romantik gewesen war und es machte mich traurig, dass ich diesen Glauben begraben hatte. Im Angesicht des Scherbenhaufens meiner Ehe beschloss ich, dem Gedanken wieder eine Chance zu geben. Nach dem Motto „schlimmer kann es nicht kommen“ schien mir das Risiko kalkulierbar und ich machte mich auf die Suche nach der „wahren Liebe“. 

Ich ging strategisch an die Sache heran: Ich suchte mir das erfolgversprechendste Dating-Portal, stellte ein höchst umfangreiches Profil ein, in dem ich sämtliche Facetten meiner Persönlichkeit ausbreitete, und wunderte mich, dass es keine Interessenten gab – vermutlich hatte ich alle verschreckt. Für mich aber bestätigte sich der alte Gedanke: Es gibt keinen Mann für mich. 

Irgendwann interessierte sich dann doch einer für mich und ich griff nach dem Strohhalm. Eigentlich merkte ich schnell, dass dieser Mann nicht passend für mich war, aber das blendete ich aus. Ich passte mich an, wollte ihm gefällig sein, redete mir ein das wäre die Liebe. Es endete natürlich genauso wie meine Ehe, nur glücklicherweise schon nach einem Jahr. Ich war am Boden zerstört. 

Nachdem ich das Tal der Trauer durchschritten hatte, war mir klar: Man kann nicht nach der „wahren Liebe“ suchen, wenn man nicht weiß, was das eigentlich ist. Ich stürzte mich auf alle Quellen, die ich finden konnte: Filme, Romane, Lyrik, Erzählungen von Freunden oder Bekannten, Ratgeberliteratur bis hin zu Fachliteratur. Alle berichten von der Liebe und wie sie funktioniert und in mir wuchs die Hoffnung, dass mir dieses Glück vielleicht doch auch begegnen könnte. 

Ich erkannte die Grundsätze der Liebe:  

  • – Es gibt sie für jeden Menschen auf der Welt 
  • – Sie fühlt sich sanft und tief an und nicht stürmisch und überwältigend
  • – Wir lieben, wenn wir uns im anderen wiedererkennen (also „gleich und gleich gesellt sich gern“) 
  • – Liebe bedeutet, dem anderen Raum zu geben, um sich zu entwickeln
  • – Liebe kann man nicht suchen – sie begegnet einem irgendwann 
  • – Sie kann einem nur begegnen, wenn man auch sichtbar ist – mit seinem wahren Ich
  • – Sie begegnet einem unerwartet – zum unerwarteten Zeitpunkt, am unerwarteten Ort, in unerwarteter Verkleidung. Die Kunst ist es, sie dennoch zu erkennen und den Mut zu haben, die Tarnung zu lüften. 

Diese Erkenntnisse waren nicht einfach für mich, denn sie bedeuteten doch, eine große Portion Kontrolle abzugeben und Geduld aufzubringen. In beidem bin ich nicht gut – aber es blieb mir wohl keine andere Wahl. Ich versuchte, die Partnersuche als spannendes Abenteuer mit unbekanntem Ausgang zu sehen und damit wurde es leichter. Ich probierte mich in verschiedenen Dating-Formaten aus, traf mich mit vielen Männern und chattete mit noch mehr. Ich hielt stets die Augen offen nach dem Wink des Schicksals – schließlich kann einem auch auf der Autobahnraststätte der Mann des Lebens begegnen, oder? Das wäre sogar im Grunde äußerst romantisch…. 

An dieser Stelle möchte ich eine Lanze brechen für das männliche Geschlecht: ich habe viele gute und liebenswerte Männer getroffen, die wunderbare Partner abgegeben hätten. Und auch auf den Dating-Portalen sind die meisten mit guten Absichten dort und auch auf der Suche nach ehrlicher Partnerschaft. Aber dennoch wiederholte sich eine Erfahrung aus meiner Jugend: alle diese Männer passten nicht für mich. 

Warum das so war, war mir im Grunde auch klar: Ich habe eine Hochbegabung und gehöre damit in meinem Denken und Erleben zu einer Minderheit. Nur etwa 5% aller Menschen sind mir darin ähnlich und wenn Liebe bedeutet, dass man sich im anderen wiederkennt, kann ich meinen Partner eigentlich nur in dieser Gruppe finden. Diese Erkenntnis ist erschreckend: nur 5% aller Menschen, die Hälfte davon sind Frauen, ein weiterer großer Teil ist nicht im passenden Alter oder wohnt zu weit weg. Im kläglichen Rest muss sich jemand finden, der von seiner Persönlichkeit her zu mir passt, auf Partnersuche ist und dem ich auch gefalle. Und dann müssen wir uns auch noch treffen… das geht mathematisch gesehen gegen Null. 

Aber zum Glück gibt es da ja noch das Schicksal…. Einer Kette von „Zufällen“(?) ist es zu verdanken, dass ich ihn getroffen habe. Es war nicht so, dass ich sofort wusste: Der ist es! Aber ich hielt es für möglich und dies reichte aus, um mich auf das Unbekannte einzulassen, das gar nicht so war, wie ich es erwartet hatte. Aber das war ja auch einer der Grundsätze der Liebe… 

Unerwartet ging es auch weiter: Die Beziehung gestaltete sich ganz anders, als ich es gewohnt war. Ich ging mehrfach auf “volles Risiko” und zeigte mich ungeschminkt – aber das erwartete Ende der Beziehung kam nicht. Stattdessen konnte ich plötzlich Gedanken teilen, die ich bisher stets nur mit mir selbst ausgemacht hatte. Und schon von Beginn an erlebte ich intensive Gefühle im körperlichen Kontakt, die ich bisher nicht kannte. Inzwischen wage ich zu sagen, es fühlt sich an wie echte Liebe und es ist das erste Mal, dass ich so etwas fühle. Und ich erlebe mich damit als privilegiert, denn nicht jeder hat das Glück, dies zu erleben. 

Die Geschichte hat kein “Happy End” – da sie noch andauert. Und selbst wenn diese Beziehung irgendwann enden sollte – warum auch immer – werde ich sagen können, dass ich sie gefunden habe, die „wahre Liebe“. Wie romantisch! 

Wie töricht sind die Menschen, die glauben, dass die Liebe die Frucht eines langen Zusammenseins ist und aus ständiger Gemeinsamkeit hervorgeht. Die Liebe ist vielmehr eine Tochter des geistigen Einverständnisses. Und wenn dieses Einverständnis nicht in einem einzigen Augenblick entsteht, so wird es weder in Jahren noch in Jahrhunderten entstehen

Kahlil Gibran

Bild von AdelinaZw auf Pixabay

Anny Lorenz

Ich schreibe Geschichten über Menschen für Menschen

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